Wie ich zum Verbrecher wurde

Oktober 21st, 2010

Auf der Buchmesse bin ich häufig mit jenen Worten angesprochen worden: „Dein Buch kenn ich nicht, aber unglaublich geiler Verlag! Das sind die Guten! Gratuliere!“ Und anschließend stellte sich die Frage, wie es denn überhaupt dazu kam: ich bei den Verbrechern. Bei den Verbrechern! (Genau davor hatten mich die Nachbarn meiner Eltern doch immer gewarnt. (Ich hatte damals schon allein deswegen alle ihre Warnungen in den Wind geschlagen, weil jene Nachbarn auch geglaubt hatten, der Spiegel verfüge über einen Kulturteil, nur weil einige Seiten dieses Magazins mit „Kultur“ überschrieben seien, aber das ist eine andere Geschichte.))

Jedenfalls wurde mir diese Frage unter anderem im Rahmen einer Veranstaltung gestellt, die daraus bestand, dass junge Autoren aus ihren Erstlingen lesen sollten und dazu auf der Bühne befragt wurden. Ein Debütantenabend, veranstaltet von Opden Books im Frankfurter Kunstverein, der das Kunststück hinbekommt, direkt am Markt derart abseitig zu liegen, dass man als Ortskundiger vier Bembel braucht, bis eine Bedienung der den Römer umgebenden Lokalitäten weiß, wohin sie einen zu schicken hat.

Ich habe es doch noch gefunden und mir erstaunt die Namen der weiteren Debütanten durchgelesen: Marcel Maas, Inger-Maria Mahlke, Vanessa F. Fogel, alles Namen, die man ja durchaus schon einmal gehört hat. Hin und wieder kamen Gruppen von Menschen herein, in der Mitte ein Autor oder eine Autorin, drumherum Lektor beziehungsweise Lektorin, Veranstaltungsorganisator oder auch -in, manchmal der Verleger und sonst noch ein paar Leute, die zum Verlag gehörten oder mit dem Buch zu tun hatten oder sonstwie das Gefolge komplettierten. Ich dachte in diesem Moment, was mir gesagt worden war, als ich nachmittags auf der Buchmesse am Stand der Verbrecher aufschlug: „Fritz! Was machst Du denn hier? Na, wenn Du schon mal da bist, dann hilf doch mal aufbauen.“ Nachdem ich einige Bücherkisten den Weg vom Auto zum Stand begleitet hatte, gab Jörg mir die Adresse des Kulturvereins und sagte: „Findste doch, oder?“ Ich nickte. „Vielleicht“, sagte er, „kommt Werner noch rum heute Abend, aber weiß man nicht, viel Spaß!“

Werner war nicht gekommen. Ich versuchte, mein San Miguel so weltläufig wie möglich zwischen den Fingern zu halten und auszusehen, als sei ich nicht nervös. Nicht nervös auszusehen, obwohl ich es bin, gelingt mir nur dann, wenn ich rauche. Rauchen konnte man nur draußen. Dort saß ich und biss Filter um Filter entzwei, während oben die anderen Debütanten lasen. Ich hatte zuvor kurz oben in den Raum gesehen, ungefähr 200 Gäste gezählt, auf der Bühne Markus Feldenkirchen locker und unangestrengt über Helmut Kohl plaudern hören und beschlossen, es sei noch zu früh für Publikumskontakt, weswegen ich erst später erfahren habe, wie die Veranstaltung verlief. Um nicht ewig einsam zu bleiben, hatte ich in einem Anfall völliger Bescheidenheitslosigkeit mein Buch vor mich auf den Tisch gelegt. Es hatte begonnen zu regnen, als sich etwas später eine Frau zu mir gesellte, die zu jung war, um ins Publikum zu gehören, und fragte, ob sie sich mit unter den Schirm setzen könne, kam ich mir albern vor mit meiner 130 Seiten starken Visitenkarte neben dem überhaupt nicht weltläufig abgestellten San Miguel. (Es gab nur San Miguel und irgendein Frankfurter Bier, das ich auch versucht habe und das micht hat verstehen lassen, warum Äppelwoi sich in Frankfurt so großer Beliebtheit erfreut.)

Jedenfalls plauderten wir ein wenig, es stellte sich heraus, dass auch sie heute lesen würde, dass auch sie aus Neukölln komme und dass auch sie nervös sei. Fremdnervosität macht mich unsympathischerweise immer ein wenig selbstsicherer, weswegen ich es Inger-Maria Mahlke verdanke, an jenem Abend mit okayem Gefühl auf die Bühne gegangen zu sein.

Inzwischen hatte sich der Saal ein wenig gelehrt, wenn man drei viertel gegangene Gäste als ‚ein wenig‘ bezeichnen kann, aber damit hatte ich gerechnet: Wer hört sich schon acht verschiedene Autoren an, ohne dass das Hirn explodiert. Maike Albath hatte zu meiner großen Ehre die Aufgabe übernommen hatte, mich vor der Lektüre mit einigen Fragen in ein Gespräch zu verwickeln. Über einige der Fragen war ich vorab grob orientiert. Nachdem wir ein wenig öffentlich die Verbrecher gelobt hatten, kam allerdings diese eine Frage, auf die ich nicht vorbereitet war:

„Wie kam es dazu, dass Sie zu den Verbrechern gekommen sind?“

Nunja. Wie kam es dazu. Ich hatte kurz die Wahl, mir ein glamouröses, erhabenes Moment auszudenken, ein besonders wohlklingender Name, der mich dort vorgeschlagen habe nach der Lektüre einiger weniger Zeilen meines bisher leider noch nicht fertiggestellten Romans, woraufhin ich dann von den Verbrechern in eines der teuersten Resaturants der Stadt eingeladen worden sei, am Abend, und man sich einige Stunden über die Zukunft der Literatur, ihre Aufgabe und ihre Bedeutung ausgetauscht habe, woraufhin, beim Calva, die Zigarre in der Hand, mir ein Vertrag…

Jaja. So wie man sich das eben vorstellt, wenn man zu viele Filme über Schriftsteller gesehen hat. Dabei ist die Wahrheit viel schöner.

Die Wahrheit geht so: Ich war da mal Praktikant. Irgendwann 2006 oder so. An irgendeinem Frühlingstag kam ich in ein kleines Büro in den Mehringhöfen, worin sich zwischen meterweise gestapelten Buch- und Papierbergen zwei Menschen versteckten. Ein großer, grimmig kuckender Mann mit Brille und einem Haarschnitt wie von einem Kochtopf entworfen und eine freundliche junge Frau, die wahnsinnig gut zuhörte. Werner und Heike.

Jedenfalls, ich lächelte viel und sprach ganz weich und irgendwie bekam ich das Praktikum. In den folgenden Wochen las ich unter anderem all die unangefordert eingesandten Manuskripte. Einer erwähnte im Anschreiben, er habe sein ‚Zeug‘ in einer Neumondnacht an einer Straßenecke in Kreuzberg vergraben und „Blut und Pisse“ darüber laufen lassen, damit in seinen Gedichten sich die Wirklichkeit „zur verdammten Realität“ zusammenfände. Das Ergebnis las sich wie eine Mischung aus Burroughs und Miller im Poesiealbumformat, ich hatte etwas Mitleid mit seiner Freundin, die ihn vermutlich sehr liebte und den ganzen Kram gutfinden musste, damit er nicht fortwährend mit Selbstmord drohte. Das war das erste Mal, dass ich darüber nachdachte, ein paar meiner Sachen Jörg und Werner zu zeigen.

Aber ich traute mich nicht.

Stattdessen fragte Jörg mich, ob ich was hätte, was des Lesens wert sei. Aber ich traute mich nicht.

Zwei Jahre später, wir trafen und hin und wieder bei den Verbrecherversammlungen, fragte Jörg zum wiederholten Male. Drei Bier, und ich dachte: Was solls. Warum nicht.

Eine Woche später kam der Anruf. „Das wollen wir machen. Kriegst Du ein Buch zusammen?“

Ein halbes Jahr lang berauschte ich mich an dem Gedanken, dass ich ein Buch machen könnte, erzählte jedem, der es hören wollte, davon, und lobte mich selbst morgens vor dem Spiegel.
Dann machte ich mich an die Arbeit.

So war das. Herrlich unspektakulär.

Irgendwan mach ich da noch einen Mythos draus.

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