Lachen, Humor etc

März 15th, 2015

Im zwölften Jahrhundert differenziert die katholische Kirche, die dem Lachen bisher insgesamt ablehnend gegenüberstand, in moralisch gutes und moralisch verwerfliches Lachen. Daraus entsteht eine „Kodifikation des Lachens“, die dann in den Alltag ausstrahlt (Le Goff). So fand der französische König Ludwig IX. (der Heilige) die Lösung, freitags grundsätzlich nicht zu lachen.

(siehe auch: Jacques Le Goff, Das Lachen im Mittelalter)

“Humor is the courtesy of despair” (Georges Duhamel). Ganz in Entsprechung zu Nietzsches Diktum, der Mensch lache nur deshalb, weil er so tief leidet.

Dazu: Bei der Urbevölkerung Sardiniens (lat. Sardoni) soll die Sitte bestanden haben, die alten Leute zu töten; dabei sollte gelacht werden. Das war der berüchtigte risus Sardonicus, ein krampfartiges Lachen, an dem die Seele unbeteiligt ist.

Joyce Carol Oates
I liked Ionesco at one time. And Kafka. And Dickens (from whom Kafka learned certain effects, though he uses them, of course, for different ends). I respond to English satire, as I mentioned earlier. Absurdist or “dark” or “black” or whatever: What isn’t tragic belongs to the comic spirit. The novel is nourished by both and swallows both up greedily.

Interviewer
What have you learned from Kafka?

Oates
To make a jest of the horror. To take myself less seriously.

(Paris Review, The Art of Fiction No. 72)

Passend dazu eine Art absurder Witz, den Ionesco der Paris Review erzählte:

But you see, the most implacable enemies of culture—Rimbaud, Lautréamont, dadaism, surrealism—end up being assimilated and absorbed by it. They all wanted to destroy culture, at least organized culture, and now they’re part of our heritage. It’s culture and not the bourgeoisie, as has been alleged, that is capable of absorbing everything for its own nourishment.

(Paris Review, The Art of Theatre No. 6)

Denn ursprünglich, hatte das Lachen, wie oben erwähnt wurde, ja die Funktion, Gruppenmitglieder in eine kämpferische Stimmung zu versetzen.

Wenn das Lachen als Spott und Satire mobilisiert wird, stellt es immer eine starke soziale Kraft dar. Einst waren Spottduelle eine verbreitete Sitte bei den Eskimos von Grönland. Anstatt ihre Differenzen durch körperliche Auseinandersetzungen und Blutvergießen auszutragen, verspotteten und beleidigten sich die erbosten Parteien gegenseitig. Vor den Augen der versammelten Stammesgemeinschaft und zum Dröhnen der Trommeln verhöhnten, beschimpften und verlachten die Beteiligten einander. Die Zuschauer amüsierten sich köstlich und bekundeten ihren Beifall durch fröhliches Gelächter. Die Kraftprobe wurde sehr ernst genommen, und der Verlierer wurde manchmal so gedemütigt, daß er in die Verbannung gehen mußte. Die Japaner drohen ihren Kindern damit, daß andere Leute sie auslachen würden, wenn sie bestimmte unerwünschte Dinge tun. Bei vielen anderen Völkern, zum Beispiel bei den Pygmäen, ist verlacht zu werden eine der gefürchtetsten Strafen von Seiten der Gemeinschaft.

(Dr. Michael Titze: Humor und Lachen: Spekulationen, Theorien und Ergebnisse der Lachforschung)

Gleicher Text:

Der englische Philosoph Thomas Hobbes (1651/1968) legte in seinem berühmten Werk Leviathan auch eine explizite Lachtheorie vor. Lachen entsteht demnach, wenn einem Menschen das Erlebnis eines »plötzlichen Triumphes« über einen als minderwertig eingeschätzten Mitmenschen widerfährt, wodurch sich unverhofft die eigene Überlegenheit offenbare. Koestler (1966, S. 45) weist in diesem Zusammenhang darauf hin, daß es im Alten Testament neunundzwanzig Hinweise auf das Lachen gibt. Davon sind dreizehn mit Geringschätzung, Hohn, Spott oder Verachtung verbunden und nur zwei »kommen aus wirklich fröhlichem Herzen«. Freud hat in seinen richtungsweisenden Untersuchungen über den Witz (1905/1970) und den Humor (1928/1970) argumentiert, das Lachen diene primär der emotionalen Befreiung bei Affekten, die kulturbedingt unterdrückt werden. (…) Denn der Humor »erspart« dem Gewissen die Empfindung von Mitleid, wie Freud (1928/1970, S. 214) besonders hervorhob.

(These: Humor ist es, der eine postmoderne Welt, die sich immer mehr auflöst, zusammenhält; das Lachen gibt den Inkonsistenzien, Inkongruenzen und Paradoxien einen Sinn. Deswegen waren der Anschlag auf Charlie Hebdo derart verheerend: am Ende hält eine Gemeinschaft dann doch zusammen, worüber man lacht, und dieser Zusammenhalt ist aufgekündigt worden.)

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