Dachschaden

Februar 1st, 2015

Es ist typisch für Sebastian, immer dann Leute zu necken, wenn er meint, mehr Aufmerksamkeit zu verdienen. Sebastian ist sehr fixiert auf die Betreuer und möchte im Grunde ununterbrochen wahrgenommen werden; mit sich allein hält er es nur schwerlich aus. Und da negative Aufmerksamkeit besser ist als gar keine, provoziert er insbesondere die Betreuer, wenn er das Gefühl hat, nicht genug im Fokus zu stehen; eigentlich immer, sobald man ihm auch nur den Rücken zuwendet. Gleichzeitig ist er auch ein grundanständiger, liebenswerter Kerl, dem nichts wichtiger ist als zu mögen und gemocht zu werden.

Gleichzeitig brav zu sein und dabei aber immerzu im Mittelpunkt zu stehen, das schließt sich häufig aus in einem Haushalt mit sechs Bewohnern. Dieses Dilemma löst Sebastian, indem er Beschimpfungen erfindet. Er spintisiert sich dann Wortketten zusammen, von denen er weiß, dass es keine Schimpfworte sind, sondern höchstens Verballhornungen davon.

Das hinwiederum bringt Helga auf die Palme, eine ältere Dame mit eindeutigen Meinungen dazu was sich gehört und was nicht. Bei Helga muss alles seine Ordnung haben, ein Schlüpfer ist ein Schlüpfer, wenn einer es wagt, Unterhose dazu zu sagen, dann wird aber mindestens zweieinhalb Minuten gezetert. Wortneuschöpfungen sind für Helga ein persönlicher Affront, eine Kriegserklärung, Improvisation ist das Böse.

Neulich – ich war gerade dabei, die Küche sauberzuwischen – saßen Sebastian und Helga am Esstisch. Beiden war langweilig, und Sebastian hibbelte eine Weile auf seinem Stuhl herum, bis es mit Urgewalt aus ihm herausbrach: „Frederic hat nen Blechschaden!“ Dann wartete er kurz auf eine Reaktion, und als die nicht kam, begann er wie ein Rennfahrer seinen Kurs immer schneller durch seinen Satz zu kurven: Frederic hat nen Blechschaden, Frederic hat nen Blechschaden etc etc. Interessanterweise rhythmisiserte er den Satz nicht, wie es kleine Kinder tun würden, die sich an einem Ausdruck festbeißen und ihn in einem ständigen Singsang wiederholen, als wären sie Schamanen; er betonte jedesmal ein anderes Detail neu, wie ein Schauspieler, der seinen Text durchgeht und versucht, die richtige Phrasierung zu finden.

Irgendwann wurde es Helga zu bunt, sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und rief laut: „Nein!“

„Was?“, antwortete Sebastian, woraufhin Helga, die nicht mit einer Rückfrage gerechnet hatte, schwieg. Sebastian aber insistierte: „Was denn nun?“ Helga sah von ihrer Kaffeetasse auf, die sie bis jetzt fest im Blick gehabt hatte, hin zu mir, sie hatte dabei diesen Ausdruck im Gesicht, den Schüler aufsetzen, wenn sie unerwarteterweise eine besonders schwere Frage des Lehrers beantworten können.

„Dachschaden heißt das“, sagte sie breit grinsend, woraufhin Sebastian, dem das Wort offenbar nicht geläufig war, sicherheitshalber nochmal nachfragte: „Wie jetzt, Du hast nen Dachschaden?“

„Nein!“, antwortete Helga und sah sich triumphierend um. „Frederic!“

„Achso.“ Sebastian starrte nachdenklich vor sich hin.

„Weißte denn, was das heißt?“, fragte ich Sebastian, als der sich grübelnd auf der Unterlippe herumbiß, woraufhin Helga, den Rücken durchgedrückt, antwortete: „Das heißt, dass man nicht mehr ganz dicht ist.“

Diesen Ausdruck kannte Sebastian. „Achsooooo!“, sagte er und nickte.

„Und findste auch, dass ich einen Dachschaden habe?“, fragte ich Sebastian, der daraufhin einmal hmte und dann einige Zeit mit gerunzelter Stirn die Tischplatte begutachtete. Am Ende holte er seine Hand zu einer Geste hervor, die weibliche Sitcom-Charaktere machen, wenn sie den Penis ihres Exfreundes beschreiben, und fragte mehr als er feststellte:

„Vielleicht nen kleinen?“

Ich denke, damit kann ich leben.