Lachen, Humor etc

März 15th, 2015

Im zwölften Jahrhundert differenziert die katholische Kirche, die dem Lachen bisher insgesamt ablehnend gegenüberstand, in moralisch gutes und moralisch verwerfliches Lachen. Daraus entsteht eine „Kodifikation des Lachens“, die dann in den Alltag ausstrahlt (Le Goff). So fand der französische König Ludwig IX. (der Heilige) die Lösung, freitags grundsätzlich nicht zu lachen.

(siehe auch: Jacques Le Goff, Das Lachen im Mittelalter)

“Humor is the courtesy of despair” (Georges Duhamel). Ganz in Entsprechung zu Nietzsches Diktum, der Mensch lache nur deshalb, weil er so tief leidet.

Dazu: Bei der Urbevölkerung Sardiniens (lat. Sardoni) soll die Sitte bestanden haben, die alten Leute zu töten; dabei sollte gelacht werden. Das war der berüchtigte risus Sardonicus, ein krampfartiges Lachen, an dem die Seele unbeteiligt ist.

Joyce Carol Oates
I liked Ionesco at one time. And Kafka. And Dickens (from whom Kafka learned certain effects, though he uses them, of course, for different ends). I respond to English satire, as I mentioned earlier. Absurdist or “dark” or “black” or whatever: What isn’t tragic belongs to the comic spirit. The novel is nourished by both and swallows both up greedily.

Interviewer
What have you learned from Kafka?

Oates
To make a jest of the horror. To take myself less seriously.

(Paris Review, The Art of Fiction No. 72)

Passend dazu eine Art absurder Witz, den Ionesco der Paris Review erzählte:

But you see, the most implacable enemies of culture—Rimbaud, Lautréamont, dadaism, surrealism—end up being assimilated and absorbed by it. They all wanted to destroy culture, at least organized culture, and now they’re part of our heritage. It’s culture and not the bourgeoisie, as has been alleged, that is capable of absorbing everything for its own nourishment.

(Paris Review, The Art of Theatre No. 6)

Denn ursprünglich, hatte das Lachen, wie oben erwähnt wurde, ja die Funktion, Gruppenmitglieder in eine kämpferische Stimmung zu versetzen.

Wenn das Lachen als Spott und Satire mobilisiert wird, stellt es immer eine starke soziale Kraft dar. Einst waren Spottduelle eine verbreitete Sitte bei den Eskimos von Grönland. Anstatt ihre Differenzen durch körperliche Auseinandersetzungen und Blutvergießen auszutragen, verspotteten und beleidigten sich die erbosten Parteien gegenseitig. Vor den Augen der versammelten Stammesgemeinschaft und zum Dröhnen der Trommeln verhöhnten, beschimpften und verlachten die Beteiligten einander. Die Zuschauer amüsierten sich köstlich und bekundeten ihren Beifall durch fröhliches Gelächter. Die Kraftprobe wurde sehr ernst genommen, und der Verlierer wurde manchmal so gedemütigt, daß er in die Verbannung gehen mußte. Die Japaner drohen ihren Kindern damit, daß andere Leute sie auslachen würden, wenn sie bestimmte unerwünschte Dinge tun. Bei vielen anderen Völkern, zum Beispiel bei den Pygmäen, ist verlacht zu werden eine der gefürchtetsten Strafen von Seiten der Gemeinschaft.

(Dr. Michael Titze: Humor und Lachen: Spekulationen, Theorien und Ergebnisse der Lachforschung)

Gleicher Text:

Der englische Philosoph Thomas Hobbes (1651/1968) legte in seinem berühmten Werk Leviathan auch eine explizite Lachtheorie vor. Lachen entsteht demnach, wenn einem Menschen das Erlebnis eines »plötzlichen Triumphes« über einen als minderwertig eingeschätzten Mitmenschen widerfährt, wodurch sich unverhofft die eigene Überlegenheit offenbare. Koestler (1966, S. 45) weist in diesem Zusammenhang darauf hin, daß es im Alten Testament neunundzwanzig Hinweise auf das Lachen gibt. Davon sind dreizehn mit Geringschätzung, Hohn, Spott oder Verachtung verbunden und nur zwei »kommen aus wirklich fröhlichem Herzen«. Freud hat in seinen richtungsweisenden Untersuchungen über den Witz (1905/1970) und den Humor (1928/1970) argumentiert, das Lachen diene primär der emotionalen Befreiung bei Affekten, die kulturbedingt unterdrückt werden. (…) Denn der Humor »erspart« dem Gewissen die Empfindung von Mitleid, wie Freud (1928/1970, S. 214) besonders hervorhob.

(These: Humor ist es, der eine postmoderne Welt, die sich immer mehr auflöst, zusammenhält; das Lachen gibt den Inkonsistenzien, Inkongruenzen und Paradoxien einen Sinn. Deswegen waren der Anschlag auf Charlie Hebdo derart verheerend: am Ende hält eine Gemeinschaft dann doch zusammen, worüber man lacht, und dieser Zusammenhalt ist aufgekündigt worden.)

Februar 15th, 2015

How One Stupid Tweet Blew Up Justine Sacco’s Life

The furor over Sacco’s tweet had become not just an ideological crusade against her perceived bigotry but also a form of idle entertainment. Her complete ignorance of her predicament for those 11 hours lent the episode both dramatic irony and a pleasing narrative arc. As Sacco’s flight traversed the length of Africa, a hashtag began to trend worldwide: #HasJustineLandedYet. „Seriously. I just want to go home to go to bed, but everyone at the bar is SO into #HasJustineLandedYet. Can’t look away. Can’t leave“ and „Right, is there no one in Cape Town going to the airport to tweet her arrival? Come on, Twitter! I’d like pictures #HasJustineLandedYet.“

A Twitter user did indeed go to the airport to tweet her arrival. He took her photograph and posted it online. „Yup,“ he wrote, „@JustineSacco HAS in fact landed at Cape Town International. She’s decided to wear sunnies as a disguise.“

The Law of Jante

The hairdresser’s was called, baldly, “Hair.” The pub was called “The Pub.” The shop that sold clothes and shoes ventured to grab the attention of passersby with the razzle-dazzle name “Clothes and Shoes”; the bookshop was Bog Handler or “Book Dealer.” Clearly affronted by its neighbors’ shameless self-promotion, one retailer had simply taken to naming itself “No. 16”; another, wary of accusations of hubris, had plumped simply for Shoppen, or “The Shop.” These retailers were not merely lacking in marketing skills, they defiantly renounced all conventional notions of salesmanship.

Zürich Zombietown – der Sommer 1991

Es gab ein Drinnen und ein Draussen. Die Welt draussen war die Welt der Stadtbewohner, die den täglich surrealer anmutenden Zuständen immer fassungsloser begegneten. Einer von ihnen war Jacky, damals Geschichtsstudent an der Uni Zürich, wohnhaft im Kreis 5 in der Nähe der Langstrasse. In der WG nannte man sie Zombiemeile – weil sich dort immer wieder Szenen ereigneten wie jene, an die er sich heute noch schaudernd erinnert. Eines Morgens beobachtete er an der Ecke Langstrasse/Zollstrasse eine Frau. Auf allen vieren kroch sie die Strasse hinunter, die Haare am Boden und der Rock über den blanken Hintern hochgerutscht. Unterwäsche trug sie keine.

Februar 2nd, 2015

Katia Kelm – hausaufgaben 1

Als mein Vater zurück kam waren meine Mutter und ich wieder zu Hause. Ich hatte einen dicken Verband ums Bein und war ziemlich erledigt, meine Mutter rührte verheult in ihrem Tee und meine Oma schmierte uns Knäckebrot mit Schmelzkäse als mein Vater zur Küchentür herein kam. Er habe Herrn Spabert getroffen, der habe ihm erzählt, was passiert sei. Der Fall sei klar: „sie war selbst Schuld.“

Ein Kind fällt vom Fahrrad.

Edmond Rostand – Cyrano de Bergerac

„Wie soll ich’s halten künftig? / Mir einen mächtigen Patron entdecken / Und als gemeines Schlinggewächs dem Schaft, / An dem ich aufwärts will, die Rinde lecken? / […] / Niemals! Soll ich als lust’ger Zeitvertreiber / Nach großem Ruhm in kleinem Kreise spähn […] / Für meine Verse dem Verleger, / Der sie mir druckt, bezahlen runde Summen? / […] Vor jedem Literatenklatsch erblassen / Und eifrig forschen: Werd ich anerkannt? / Hat der und jener lobend mich genannt? / Niemals! Stets rechnen, stets Besorgnis zeigen, / Lieber Besuche machen als Gedichte, / Bittschriften schreiben, Hintertreppen steigen? / Nein, niemals, niemals, niemals! – Doch im Lichte / Der Freiheit schwärmen, durch die Wälder laufen, / Mit fester Stimme, klarem Falkenblick, / Den Schlapphut übermütig im Genick, / Und je nach Laune reimen oder raufen! / Nur singen, wenn Gesang im Herzen wohnt, / Nicht achtend Geld und Ruhm, mit flottem Schwunge / Arbeiten an der Reise nach dem Mond […]“

Das hatte Benjamin Stein in seinem Text darüber, dass Schreibende sich zu Playern am Literaturmarkt haben machen lassen; übrigens genau so, wie es mancher Vollidiot der Netzavantgarde vor Jahren gefordert hat. Analog dazu beklagt Jörg den Verfall der Literaturkritik, es greift also eins ins andere.

Werner Herzog – „LESSONS OF DARKNESS“

Fact creates norms, and truth illumination.

Splitter zur offenen Frage Authentizität. For future use.

Mme Coquelicot – Es reicht.

Ich habe mich nach langen Überlegungen dazu entschieden, über meine Erlebnisse mit sexueller Gewalt in meiner ehemaligen Beziehung zu schreiben. Das schreiben fühlte sich sehr befreiend an. Ich teile meine Worte nicht nur, um meine Stimme hörbar zu machen. Ich hoffe auch, dass ich damit auch anderen, die ähnliches erlebt haben, Mut machen kann. Es hat mir sehr geholfen, mit Menschen reden zu können, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und die mit ähnlichen Situationen umgehen müssen. Ich danke jeder einzelnen dieser wunderbaren Personen für ihre Unterstützung.

Kann man so einen Text zwischen Rostand und Herzog packen? Kann sowas mit eine Linkliste? Wie geh ich damit um, wie weise ich darauf hin, wie verhalte ich mich dazu? Ohne Kommentar auf Twitter verlinken, nur die Adresse in Facebook reinpappen? Nichts dazu sagen? Mir erschließt sich sofort das Abwinken der Freundinnen, der Vorwurf des Freundes und die allgemeine Sprachlosigkeit, als Mme Coquelicot darüber gesprochen hat; was kann man sinnvolles dazu noch sagen? Es fängt einem alles an leid zu tun.

Dachschaden

Februar 1st, 2015

Es ist typisch für Sebastian, immer dann Leute zu necken, wenn er meint, mehr Aufmerksamkeit zu verdienen. Sebastian ist sehr fixiert auf die Betreuer und möchte im Grunde ununterbrochen wahrgenommen werden; mit sich allein hält er es nur schwerlich aus. Und da negative Aufmerksamkeit besser ist als gar keine, provoziert er insbesondere die Betreuer, wenn er das Gefühl hat, nicht genug im Fokus zu stehen; eigentlich immer, sobald man ihm auch nur den Rücken zuwendet. Gleichzeitig ist er auch ein grundanständiger, liebenswerter Kerl, dem nichts wichtiger ist als zu mögen und gemocht zu werden.

Gleichzeitig brav zu sein und dabei aber immerzu im Mittelpunkt zu stehen, das schließt sich häufig aus in einem Haushalt mit sechs Bewohnern. Dieses Dilemma löst Sebastian, indem er Beschimpfungen erfindet. Er spintisiert sich dann Wortketten zusammen, von denen er weiß, dass es keine Schimpfworte sind, sondern höchstens Verballhornungen davon.

Das hinwiederum bringt Helga auf die Palme, eine ältere Dame mit eindeutigen Meinungen dazu was sich gehört und was nicht. Bei Helga muss alles seine Ordnung haben, ein Schlüpfer ist ein Schlüpfer, wenn einer es wagt, Unterhose dazu zu sagen, dann wird aber mindestens zweieinhalb Minuten gezetert. Wortneuschöpfungen sind für Helga ein persönlicher Affront, eine Kriegserklärung, Improvisation ist das Böse.

Neulich – ich war gerade dabei, die Küche sauberzuwischen – saßen Sebastian und Helga am Esstisch. Beiden war langweilig, und Sebastian hibbelte eine Weile auf seinem Stuhl herum, bis es mit Urgewalt aus ihm herausbrach: „Frederic hat nen Blechschaden!“ Dann wartete er kurz auf eine Reaktion, und als die nicht kam, begann er wie ein Rennfahrer seinen Kurs immer schneller durch seinen Satz zu kurven: Frederic hat nen Blechschaden, Frederic hat nen Blechschaden etc etc. Interessanterweise rhythmisiserte er den Satz nicht, wie es kleine Kinder tun würden, die sich an einem Ausdruck festbeißen und ihn in einem ständigen Singsang wiederholen, als wären sie Schamanen; er betonte jedesmal ein anderes Detail neu, wie ein Schauspieler, der seinen Text durchgeht und versucht, die richtige Phrasierung zu finden.

Irgendwann wurde es Helga zu bunt, sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und rief laut: „Nein!“

„Was?“, antwortete Sebastian, woraufhin Helga, die nicht mit einer Rückfrage gerechnet hatte, schwieg. Sebastian aber insistierte: „Was denn nun?“ Helga sah von ihrer Kaffeetasse auf, die sie bis jetzt fest im Blick gehabt hatte, hin zu mir, sie hatte dabei diesen Ausdruck im Gesicht, den Schüler aufsetzen, wenn sie unerwarteterweise eine besonders schwere Frage des Lehrers beantworten können.

„Dachschaden heißt das“, sagte sie breit grinsend, woraufhin Sebastian, dem das Wort offenbar nicht geläufig war, sicherheitshalber nochmal nachfragte: „Wie jetzt, Du hast nen Dachschaden?“

„Nein!“, antwortete Helga und sah sich triumphierend um. „Frederic!“

„Achso.“ Sebastian starrte nachdenklich vor sich hin.

„Weißte denn, was das heißt?“, fragte ich Sebastian, als der sich grübelnd auf der Unterlippe herumbiß, woraufhin Helga, den Rücken durchgedrückt, antwortete: „Das heißt, dass man nicht mehr ganz dicht ist.“

Diesen Ausdruck kannte Sebastian. „Achsooooo!“, sagte er und nickte.

„Und findste auch, dass ich einen Dachschaden habe?“, fragte ich Sebastian, der daraufhin einmal hmte und dann einige Zeit mit gerunzelter Stirn die Tischplatte begutachtete. Am Ende holte er seine Hand zu einer Geste hervor, die weibliche Sitcom-Charaktere machen, wenn sie den Penis ihres Exfreundes beschreiben, und fragte mehr als er feststellte:

„Vielleicht nen kleinen?“

Ich denke, damit kann ich leben.

Reaktionen II

Dezember 14th, 2010

An ihren Rändern offenbart sich die Wahrheit einer Gesellschaft, heißt es. Unser Umgang mit Armen, Obdachlosen, Kranken und Alten verrät viel darüber, wie es um das aufklärerische Ideal „Humanismus“ in einem Land bestellt ist. Ein junger Berliner Autor, der 28jährige Blogger und Kulturveranstalter Fréderic Valin, hat sich nun in seinem Erzähldebüt mit den Außenseitern unserer Gesellschaft beschäftigt: „Randgruppenmitglied“ heißt sein Erstling, ein Band mit sechs Erzählungen über die Schicksale von Scheiternden unterschiedlicher sozialer Milieus. Ein mal heiterer, mal trauriger Porträtband stiller Exzentriker.

Das schreibt WDR3 als Ankündigung für einen Radiobeitrag bei „Resonanzen“. Den Beitrag gibt es hier, ganz unten auf der Seite.

Es ist wie ein Autounfall. Im Grunde mag man gar nicht hinschauen, tut es aber trotzdem. Frédéric Valin berichtet in seinem Erstling „Randgruppenmitglied“ enorm fesselnd und teilweise sehr ironisch über Schicksale von Menschen, die gesellschaftlich im Abseits stehen: Kranke, Verzweifelte oder Obdachlose sind die heimlichen Helden in diesem Erzählband.

Ferdinand Laudage auf Nahaufnahmen

Egal, ob es um passive Sexualopportunisten geht, denen „Frauen zugestoßen waren“ oder um 14-jährige Möchtegern-Punks in Cottbus („wir hatten eine ungefähre Vorstellung von Unangepasstheit“) – immer wieder drückt Frédéric Valin den Auslöser im exakt richtigen Moment ab, hat in seinen Snapshots jedes Mal die prägnanten Bilder drauf, die prägenden Bewegungen, die unanfechtbaren Belege für seine Plots und es juckt ihn keineswegs, wenn sich Pathos einschleicht. Sterben ist hart. Arm sein auch. Stilsicher nennt man solche Prosa – und talentiert.

Jan Drees auf 1Live

Den Beitrag der Buchkönigin Nina Wehner in der Morgenpost kann man leider nicht kostenlos einsehen.

Reaktionen I

November 13th, 2010

Anderthalb Monate sind seit der Veröffentlichung vergangen: Zeit für eine kleine Zwischenbilanz. Ich war zu Beginn etwas aufgeregt, ob und wie das Buch aufgenommen wird: man ist ein wenig hilflos, wenn man Texte, die einen so lange begleiten, der Öffentlicheit übergibt. Aber ich hätte nicht nervös werden müssen.

Uli Eder hatte besipielsweise was ganz anderes erwartet, eher irgendwas mit Fussball oder Neukölln: stattdessen aber liest man

Geschichten von Menschen, die neben der Gesellschaft, neben ihrer Beziehung, neben sich stehen. Und erkennt plötzlich: es sind Geschichten über uns selbst, die Gesellschaft, in der diese Menschen leben. Schlimmer: Man sieht sich selbst in diesen Kranken, Gescheiterten, Außenseitern. Und merkt, dass sich die Grenzen zwischen der Gesellschaft und ihrem Rand manchmal bedrohlich auf einen selbst zu bewegen.

Frédéric Valin schreibt Geschichten, die man nicht hören möchte, aber man kann nicht aufhören, sie zu lesen.

Ein wenig verlegen macht mich die Rezension bei Fritz, eine der ersten Besprechungen:

Frédéric Valin rückt seinen Figuren auf die Pelle, verliert dabei aber nie sein Feingefühl. Seine Texte sprühen vor Ironie und Beobachtungsdrang. Sie hinterlassen abwechselnd mulmige Gefühle und ein breites Grinsen. ‚Randgruppenmitglied‘ macht nachdenklich und vor allem Lust auf mehr von diesem tollen Autor.

Gerade jetzt hat Elke Brüns vom Gespenst der Armut einen Text über das Buch geschrieben, der für meine Begriffe den Kern der Randgruppenmitglieder trifft: sie sind keine Figuren mehr, sondern aus Zeit und Kontext herausgefallene Erscheinungen, die niemals den Sprung zum Archetypus schaffen werden.

Die Randgruppenmitglieder verorten sich auch für den Leser nur flüchtig am Rande der Wahrnehmung, man spürt ihnen nach, meint sie langsam zu kennen, aber schon sind sie wieder weg. Getragen werden diese luftigen Wesen weniger von den Ereignissen als vom klaren Rhythmus der Sprache.

Fürderhin: Letzte Woche war das Buch zu Gast bei MotorFM, in Lesen und Lesen lassen. Sobald ich die Soundfiles wiederfinde, stelle ich sie an dieser Stelle online. Im aktuellen Tip Berlin teile ich mir eine Seite mit dem sehr geschätzten Michael Bukowski, in der kommenden Reuterzeitung wird es auch ein Interview geben, auf das ich sehr gespannt bin, weil ich, wenn ich mich recht erinnere, viel Blödsinn erzählt habe. Für die pdfs gilt das gleiche wie für die Soundfiles.

Und am Dienstag werde ich in der Buchkönigin lesen, in der Hobrechtstraße 65 in Neukölln.

Premiere

Oktober 23rd, 2010

Es gibt in der Tat keine angemessene Möglichkeit, eine gelungene Buchpremiere zu beschreiben, ohne in Kitsch abzudriften.

Deswegen danke ich an dieser Stelle Jürgen Hanel, der das für mich übernommen hat und gleichzeitig meinen idealen Arbeitsplatz dokumentierte:

Es war voll. Es war toll. Wenn ich weiterschreibe, werde ich pathetisch.

Drum lass ich das ausnahmsweise mit dem Schreiben.

Vielen Dank.

Wie ich zum Verbrecher wurde

Oktober 21st, 2010

Auf der Buchmesse bin ich häufig mit jenen Worten angesprochen worden: „Dein Buch kenn ich nicht, aber unglaublich geiler Verlag! Das sind die Guten! Gratuliere!“ Und anschließend stellte sich die Frage, wie es denn überhaupt dazu kam: ich bei den Verbrechern. Bei den Verbrechern! (Genau davor hatten mich die Nachbarn meiner Eltern doch immer gewarnt. (Ich hatte damals schon allein deswegen alle ihre Warnungen in den Wind geschlagen, weil jene Nachbarn auch geglaubt hatten, der Spiegel verfüge über einen Kulturteil, nur weil einige Seiten dieses Magazins mit „Kultur“ überschrieben seien, aber das ist eine andere Geschichte.))

Jedenfalls wurde mir diese Frage unter anderem im Rahmen einer Veranstaltung gestellt, die daraus bestand, dass junge Autoren aus ihren Erstlingen lesen sollten und dazu auf der Bühne befragt wurden. Ein Debütantenabend, veranstaltet von Opden Books im Frankfurter Kunstverein, der das Kunststück hinbekommt, direkt am Markt derart abseitig zu liegen, dass man als Ortskundiger vier Bembel braucht, bis eine Bedienung der den Römer umgebenden Lokalitäten weiß, wohin sie einen zu schicken hat.

Ich habe es doch noch gefunden und mir erstaunt die Namen der weiteren Debütanten durchgelesen: Marcel Maas, Inger-Maria Mahlke, Vanessa F. Fogel, alles Namen, die man ja durchaus schon einmal gehört hat. Hin und wieder kamen Gruppen von Menschen herein, in der Mitte ein Autor oder eine Autorin, drumherum Lektor beziehungsweise Lektorin, Veranstaltungsorganisator oder auch -in, manchmal der Verleger und sonst noch ein paar Leute, die zum Verlag gehörten oder mit dem Buch zu tun hatten oder sonstwie das Gefolge komplettierten. Ich dachte in diesem Moment, was mir gesagt worden war, als ich nachmittags auf der Buchmesse am Stand der Verbrecher aufschlug: „Fritz! Was machst Du denn hier? Na, wenn Du schon mal da bist, dann hilf doch mal aufbauen.“ Nachdem ich einige Bücherkisten den Weg vom Auto zum Stand begleitet hatte, gab Jörg mir die Adresse des Kulturvereins und sagte: „Findste doch, oder?“ Ich nickte. „Vielleicht“, sagte er, „kommt Werner noch rum heute Abend, aber weiß man nicht, viel Spaß!“

Werner war nicht gekommen. Ich versuchte, mein San Miguel so weltläufig wie möglich zwischen den Fingern zu halten und auszusehen, als sei ich nicht nervös. Nicht nervös auszusehen, obwohl ich es bin, gelingt mir nur dann, wenn ich rauche. Rauchen konnte man nur draußen. Dort saß ich und biss Filter um Filter entzwei, während oben die anderen Debütanten lasen. Ich hatte zuvor kurz oben in den Raum gesehen, ungefähr 200 Gäste gezählt, auf der Bühne Markus Feldenkirchen locker und unangestrengt über Helmut Kohl plaudern hören und beschlossen, es sei noch zu früh für Publikumskontakt, weswegen ich erst später erfahren habe, wie die Veranstaltung verlief. Um nicht ewig einsam zu bleiben, hatte ich in einem Anfall völliger Bescheidenheitslosigkeit mein Buch vor mich auf den Tisch gelegt. Es hatte begonnen zu regnen, als sich etwas später eine Frau zu mir gesellte, die zu jung war, um ins Publikum zu gehören, und fragte, ob sie sich mit unter den Schirm setzen könne, kam ich mir albern vor mit meiner 130 Seiten starken Visitenkarte neben dem überhaupt nicht weltläufig abgestellten San Miguel. (Es gab nur San Miguel und irgendein Frankfurter Bier, das ich auch versucht habe und das micht hat verstehen lassen, warum Äppelwoi sich in Frankfurt so großer Beliebtheit erfreut.)

Jedenfalls plauderten wir ein wenig, es stellte sich heraus, dass auch sie heute lesen würde, dass auch sie aus Neukölln komme und dass auch sie nervös sei. Fremdnervosität macht mich unsympathischerweise immer ein wenig selbstsicherer, weswegen ich es Inger-Maria Mahlke verdanke, an jenem Abend mit okayem Gefühl auf die Bühne gegangen zu sein.

Inzwischen hatte sich der Saal ein wenig gelehrt, wenn man drei viertel gegangene Gäste als ‚ein wenig‘ bezeichnen kann, aber damit hatte ich gerechnet: Wer hört sich schon acht verschiedene Autoren an, ohne dass das Hirn explodiert. Maike Albath hatte zu meiner großen Ehre die Aufgabe übernommen hatte, mich vor der Lektüre mit einigen Fragen in ein Gespräch zu verwickeln. Über einige der Fragen war ich vorab grob orientiert. Nachdem wir ein wenig öffentlich die Verbrecher gelobt hatten, kam allerdings diese eine Frage, auf die ich nicht vorbereitet war:

„Wie kam es dazu, dass Sie zu den Verbrechern gekommen sind?“

Nunja. Wie kam es dazu. Ich hatte kurz die Wahl, mir ein glamouröses, erhabenes Moment auszudenken, ein besonders wohlklingender Name, der mich dort vorgeschlagen habe nach der Lektüre einiger weniger Zeilen meines bisher leider noch nicht fertiggestellten Romans, woraufhin ich dann von den Verbrechern in eines der teuersten Resaturants der Stadt eingeladen worden sei, am Abend, und man sich einige Stunden über die Zukunft der Literatur, ihre Aufgabe und ihre Bedeutung ausgetauscht habe, woraufhin, beim Calva, die Zigarre in der Hand, mir ein Vertrag…

Jaja. So wie man sich das eben vorstellt, wenn man zu viele Filme über Schriftsteller gesehen hat. Dabei ist die Wahrheit viel schöner.

Die Wahrheit geht so: Ich war da mal Praktikant. Irgendwann 2006 oder so. An irgendeinem Frühlingstag kam ich in ein kleines Büro in den Mehringhöfen, worin sich zwischen meterweise gestapelten Buch- und Papierbergen zwei Menschen versteckten. Ein großer, grimmig kuckender Mann mit Brille und einem Haarschnitt wie von einem Kochtopf entworfen und eine freundliche junge Frau, die wahnsinnig gut zuhörte. Werner und Heike.

Jedenfalls, ich lächelte viel und sprach ganz weich und irgendwie bekam ich das Praktikum. In den folgenden Wochen las ich unter anderem all die unangefordert eingesandten Manuskripte. Einer erwähnte im Anschreiben, er habe sein ‚Zeug‘ in einer Neumondnacht an einer Straßenecke in Kreuzberg vergraben und „Blut und Pisse“ darüber laufen lassen, damit in seinen Gedichten sich die Wirklichkeit „zur verdammten Realität“ zusammenfände. Das Ergebnis las sich wie eine Mischung aus Burroughs und Miller im Poesiealbumformat, ich hatte etwas Mitleid mit seiner Freundin, die ihn vermutlich sehr liebte und den ganzen Kram gutfinden musste, damit er nicht fortwährend mit Selbstmord drohte. Das war das erste Mal, dass ich darüber nachdachte, ein paar meiner Sachen Jörg und Werner zu zeigen.

Aber ich traute mich nicht.

Stattdessen fragte Jörg mich, ob ich was hätte, was des Lesens wert sei. Aber ich traute mich nicht.

Zwei Jahre später, wir trafen und hin und wieder bei den Verbrecherversammlungen, fragte Jörg zum wiederholten Male. Drei Bier, und ich dachte: Was solls. Warum nicht.

Eine Woche später kam der Anruf. „Das wollen wir machen. Kriegst Du ein Buch zusammen?“

Ein halbes Jahr lang berauschte ich mich an dem Gedanken, dass ich ein Buch machen könnte, erzählte jedem, der es hören wollte, davon, und lobte mich selbst morgens vor dem Spiegel.
Dann machte ich mich an die Arbeit.

So war das. Herrlich unspektakulär.

Irgendwan mach ich da noch einen Mythos draus.

Oktober 17th, 2010

Das ist es. Da steht alles drin. Und hier kann man es kaufen.

Das Buch gibt es bereits zwei Wochen, ich bin also ein bisschen spät. Tatsächlich ist es mir dämlicherweise sehr unangenehm, auf eigene Erzeugnisse hinzuweisen. Als wären mir früher beim kleinsten Verdacht auf Eigenlob die Nieren in den präfrontalen Cortex geprügelt worden. So war es nicht, ich bin liebevoll und ermunternd aufgezogen worden. Nichtsdestotrotz trage ich in mir eine fürchterliche Scheu vor Selbstreferentialität, weil ich mich dann immer mit Cowboyhut vorstelle, der vor dem Spiegel stehend breit grinsend mit beiden Daumen auf sich weist und, kaum sind einige Minuten verstrichen, sich jäh abwendet, yeah sagend.

Grauenvoll.

Trotzdem werde ich die nächsten zwei oder drei Monate aus schierem Verbalisierungsbedürfnis das Buch ein bisschen begleiten. So eine Buchveröffentlichung ist eine große Schuld- und Größenwahnmaschine: man wird sehr oft darauf angesprochen, weswegen man sich super fühlt. Dann sagt man im Größenwahn irgendeinen Unfug, und findet sich dämlicher als nach drei Vodka Mate. Das muss alles raus, sonst fange ich noch an, darüber Geschichten zu schreiben, wie es ist, wenn man Geschichten geschrieben hat. Und ich will um Himmels Willen nicht enden wie all jene Schriftsteller, die über Schriftsteller schreiben und, wenn sie besonders inspiriert sind, über Lektoren. Das Blog ist also in erster Linie eine therapeutische Einrichtung, eine Maßnahme zur geistigen Hygiene.

Worum wird es gehen? Verkackte Widmungen, gelungene Lesungen, die kleinen Eindrücke, wenn sich vor mir die Tür einen Spalt weit öffnet und dahinter der Literaturbetrieb herausspitzelt. Freundlich grüßt. Abdreht. Ich habe auch (vermutlich völlig überflüssigerweise) eine Formspring-Fragegruppe eingerichtet, wer weiß, wozu es gut ist.

Wer weiß, wozu es gut ist.

Scheisshaufen

November 8th, 2008